Wie feiert man ein Fest vor dem Fest? 2025 wird der Vegesacker Ruderverein sein 125 jähriges Jubiläum feiern. Allerdings begann das Rudern in Vegesack bereits 1896 und dieses Jubiläum wurde am 11.9.21 fulminant gefeiert.

Die Festwartinnen Maike Rebettge und Vicky Degener kündigten eine Feier im Stil der Jahrhundertwende an und luden die Gäste ein, sich entsprechend zu kleiden. Diese folgten dem Ruf und es war eine Freude zu beobachten, wie sich am Nachmittag das Gelände mit schmuck herausgeputzten Menschen füllte: Hüte und Knickebocker, wallende Röcke, gezwirbelte Schnäuzer und viel blau weiß Gestreiftes konnte man sehen. Auffallend war, dass 10 x je 3 Personen völlig identisch aussahen – doch dazu später.

Zunächst begrüßte Uwe Vielstich die Rudergemeinde, wies auf die streng eingehaltenen Corona Regeln hin und erinnerte dann an den Beginn des Ruderns in Vegesack, wie es in Klaus Siegs Chronik nachzulesen ist:

Vor 125 Jahren – am 21. Februar des Jahres 1896 setzen sich sechs Männer in das Hotel Havenhaus und gründen die Ruderabteilung des Vereins Wassersport Vegesack, Verein für Segeln und Rudern auf der Unterweser.

Die Herren Butscher, Hagen, Hönneke, Mötting, Raschen und Sombeck leisteten ganze Arbeit: Sie sprechen über eine Satzung, wählen einen Vorstand und bestimmen bereits die Farben ihrer Flagge.

Der Verein Wassersport stellt den Ruderern das Boot „Lesmona“ zur Verfügung. Die „Lesmona“ ist ein gesteuerter auslegerloser Gig-Riemenvierer mit festen Sitzen. Zudem wird beim Bootsbaumeister Lürssen in Aumund ein Halbausleger-Gig-Vierer in Auftrag gegeben. 700 Mark sind aufzubringen. Auch dieses Boot bezahlt das Mutterhaus der Ruderer, der Verein Wassersport. Als weitere Starthilfe leiht Lürssen der Ruderriege einen geklinkerten Renneiner. Auch für die Unterbringung der kleinen Flotte ist gesorgt. Zimmermann Paysen baut einen Schuppen. Schon im ersten Jahr muss das Lager dem Bau der Strandlust weichen. Zum Glück stellt Bäckermeister Schnatmeyer einen Platz in seinem bis an die Weser reichenden Garten unentgeltlich zur Verfügung. So muss der Schuppen nur um einige Meter versetzt werden.

Im Herbst verlegen die Ruderer ihren Tagungsort vom Havenhaus in das Hotel Bellevue. Der Schriftführer protokolliert nicht mehr die Versammlungen der Ruderabteilung, sondern die des Vegesacker Rudervereins, abgekürzt V.R.V.

Im ersten Jahr führt Cornelius Sombeck die Ruderriege, danach übernimmt Emil Mötting das Amt.

Am 15. Mai 1897 steigen Mötting und zwei Kameraden abends um acht zur ersten Fahrt in den neuen, von Lürssen gebauten gesteuerten Doppelzweier „Marie“. Die Vegesacker Ruderer erkunden ihr Revier.

Zurück zur Neuzeit: Uwe Vielstich freute sich sodann die Taufe von 6 Booten anzukündigen, davon 5 Renn Skiffs der Jacobs Universtät

Rene Wells (Head of Campus Life) taufte Joana und betonte die Freude darüber, dass unser Team seit Jahren Teil dieser großartigen Gemeinschaft sein kann.

Jens V. Dünnbier (Head of Campus Operations und Mitglied im Management Board) taufte Tilda und Minchen

Jannik Holtmann (ehemaliger Student + Ruderteam Mitglied) Alumni und

Poseidon wünschte Ina Vornsand (Studentin und Team Captain Ruder Team) immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Dann trat Klaus Walter Sieg, allseits geschätztes Ehrenmitglied des Vereins, mit würdevollen Schritten, gekleidet in seriöser Kapitänskluft zu dem 3-er-mit/4er-ohne Boot. In seiner Ansprache erinnerte er an so manches auf abenteuerliche Weise dahingeschiedene Boot und wünschte der getauften „Ole Tied“ allseits sichere Fahrt.

 

Nachdem Rufen des Hipp hipp hurra, machte sich Nervosität breit. Die gleichgekleideten Dreiergrüppchen wanderten zum Steg, dort lagen 3 alte geklinkerte 3er bereit zum angekündigten  Stilruderwettbewerb.

Stilrudern ist eine Disziplin, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts ursprünglich für Frauen entwickelt wurde, da diese in den Anfangszeiten des Rudersports nicht an Ruderregatten teilnehmen durften. Grazie und Anmut statt Schweiß und Anstrengung. Denn es galt als unschicklich und medizinisch höchst bedenklich, wenn Damen sich sportlich betätigten. Beim Stilrudern kommt es auf Haltung und Gleichmäßigkeit an – sowohl beim Rudern als auf bei der Kleidung und der Haartracht.

11 Mannschaften aus allen Gruppen, die es sich zutrauten, sich gemäß der Regeln des Stilruderns in einem guten alten Klinkerboot zu messen, hatten sich bei Lars Schröder angemeldet, der den Wettbewerb organisierte.

In den Tagen zuvor hatte man schon den ein oder anderen Zweier auf der Lesum beobachten können – ein paar hatten geübt. Doch die meisten Mann-bzw. Frauschaften hatten heute Premiere.

Die Stimmung auf dem Steg unter dem bunten Völkchen entsprach einem fröhlichen Lampenfieber.

Der Wettkampforganisator Lars und seine Frau Sabine sowie Hund Smilla eröffneten das Spektakel um den Teilnehmer:innen die Wettkampstrecke vorzuführen: Es galt entlang der VRV Terrasse zu rudern und in Sichtweite zu wenden. Bewertungskriterien waren Haltung, Blattführung, Kopfbedeckung, Kleidung, Bäuche und Fingernägel…..

Auf der Vereinsterrasse saßen 4 Schiedsrichter: Gitta Leinemann, Eckard Sünnemann, Peter Mascher und Gerda Appenrodt – die als einzige noch Stilrudererfahrung hatte. Jörg Eckert kommentierte das Geschehen. Das zahlreiche Publikum reckte die Köpfe und applaudierte jedem Boot.

Da waren die Zylinder, schwarze Westen und Gamaschen tragenden Damen, Herren mit Schnäuzer und Strohhut, das „Bäucheboot“ – stilecht mit Knickebocker und alter Vereinsmütze, Damen mit Blüten im Haar und welche mit reizenden geblümten Badehauben und dann noch die 3 Jungs im Bayernstil: kariertes Hemd und Lederhosen. Alle gaben alles, um konzentriert und Haltungskonform die Strecke zu meistern – vor allem hatten alle sichtlich Spaß – und waren am Ende froh, dass keines der alten Boote in der Lesum versank.

            

Kaum waren die Boote aus dem Wasser gebracht, folgte die Siegerehrung: So ganz genau weiß man die Kriterien nicht, ob mehr Bauch, mehr Hut, mehr Punkte oder mehr Bart zählte– das war auch ganz egal, am Ende zählte die Gaudi.

Kurz darauf folgte schon der nächste Höhepunkt: Der Chor „Zwischentöne“ unter der Leitung von Karsten Machinek sang schmissige, mitreißende Lieder. Das begeisterte Publikum wippte, klatschte  und summte mit. Der singende Wanderruderwart Dirk Eckelt hatte dies organisiert.

Nach einem Weilchen Zeit zum Plaudern wurden die Gäste von der Terrasse abermals auf das Gelände gebeten, um ein kleines Theaterstück zu erleben – manche sagen, dies war das absolute Highlight des Festes: Schauspieler:innen des Geschichtenhauses hatten unter Leitung von Helle Rothe zusammen mit 6 Vereinsmitgliedern die Gründungsszene des Ruderns in Vegesack eingeübt. Sie versetzten das Publikum auf humorvolle Weise hinein in die damalige Situation in der Kneipe des Havenhauses, als die Ruderabteilung des Vereins Wassersport bei Bier und Schnaps beraten und beschlossen wurde. Der Hafenmeister hatte so seine Bedenken, was die ausladenden Ruderboote so alles anrichten könnten….Bravorufe und Zugabe Wünsche belohnten die Darsteller.

Nach so vielseitiger Unterhaltung waren die Gäste hungrig und freuten sich auf das zünftige Essen: Spanferkel! Beim Schlangestehen dafür konnten sie sich durch die Bilderausstellung von Matthias Flies in die „ole Tied“ versetzen.

Dieses Fest vor dem Fest war rundum gelungen. Abermals war es Ausdruck einer gelebten Gemeinschaft von Jung und Alt, Leistungs- und Wanderrudern, einem Gefühl der Zugehörigkeit aller, das sich in 125 Jahren entwickelt hat. Selbst der Wettergott war ihnen hold und hielt den angesagten Regen bis spät am Abend zurück.